Schreibkick #35 – Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

Schreibkick für den 01.12.2016 von Sabi

Erde

Joana lief durch den düsteren Gang und kam schlitternd vor dem Zugang zu der Kabine ihrer Familie zum stehen. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so beeilt um dorthin zu gelangen. Aber heute würde ein besonderer Tag sein. Vor sechzehn Jahren war sie auf der Leonidas V zur Welt gekommen und kannte nichts anderes als eben die Gänge des Raumschiffes, auf dem sowohl ihre Mutter, als auch ihr Vater, angestellt waren.

“Mama, Mama! Ich darf auf die Erde! Es wurde mir endlich genehmigt!”, brüllte sie in die Räume ihrer Familie.

Ihre Mutter steckte ihren Kopf durch den Zugang zur Küche und grinste Joana an. “Dann kannst du ja auch mal Oma und Opa besuchen. Die würden sich sicherlich freuen. Ist ja auch schon wieder zwei Jahre her, dass sie nach Hause geflogen sind. Und Hologrammanrufe sind einfach nicht dasselbe.”

“Wäre schon cool. Aber Cryll und Ak-Thar kommen auch mit. Mahruk meinte, dass wir wohl mindestens fünf Tage auf der Erde bleiben. Da habe ich dann ja ein bisschen mehr Zeit um sie zu besuchen. Kommt ihr sie auch besuchen?”

“Klar. Vermutlich aber erst am dritten Tag. Vorher komme ich nicht vom Schiff. Ich muss die Vorratsaufstockung überwachen und dein Dad ist ja auch noch nicht wieder ganz auf den Beinen vom letzten Außeneinsatz.”

Joana ließ sich mit einem leisen lachen in die weichen Kissen der Couch fallen, streckte ihre Beine aus und wackelte mit den Zehen, die in ihren heißgeliebten neon-karierten Socken steckten. Ihre Mutter hatte längst aufgegeben andere Socken zu kaufen, da diese dann meist ziemlich schnell unerklärlicherweise Löcher aufwiesen.

Bald war es so weit. Aus den Fenstern konnte man bereits die Erde erkennen und es würde vielleicht noch eine viertel Stunde dauern, bis sie diese in der Geschwindigkeit mit der sich die Leonidas V fortbewegte, erreichen würden. Dann dauerte es vielleicht noch einmal eine halbe Stunde, bis alles am Hangar soweit geklärt war, dass die Besatzung des Raumschiffes das Schiff auch verlassen durfte. Sie hatte sich schon alles von Ak-Thar erklären lassen, der schon bei der letzten Landung auf seinem Heimatplaneten das Raumschiff verlassen hatte. Die Erde war seit gut zwanzig Jahren nicht mehr angeflogen worden. Versorgt waren sie in dem Quadranten worden, den sie erforschen sollten. Und nur per Funk bestand Kontakt mit der Erdbasis. Über die Jahre hatte die Besatzung sich stark verändert. Als Joana zur Welt gekommen war, bestand sie noch hauptsächlich aus Menschen. Mittlerweile waren über die Hälfte auf anderen Planeten geblieben um zu forschen oder sie hatten dort Familien gegründet. Dafür waren dann “Außerirdische” wie Ak-Thars oder Crylls Eltern an Bord gekommen. Insgesamt waren achtzehn Kinder auf dem Raumschiff. Sieben davon in Joanas Alter.

Als die Erde näher kam, wurde die Sechzehnjährige immer hibbeliger. Fasziniert beobachtete sie aus dem Fenster des Wohnzimmers, wie der blaue Planet größer wurde und sie schließlich immer mehr Einzelheiten erkennen konnte.

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie überrascht herum fahren. Hinter ihr stand ihre Mutter mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. “Na, ist sie so, wie du sie dir vorgestellt hast?”

“Nein! Viel schöner!”, murmelte Joana und drehte sich noch einmal zum Fenster.

“Komm essen, Joana. Danach kannst du sofort raus.”, holte sie ihre Mutter erneut aus den vielen Gedanken und fuhr ihr während sie sprach durch die violetten Locken.

“Mama! Nicht meine Haare!”

Silvana lachte nur und drehte sich in Richtung der Küche. “Hol deinen Dad bevor du zu Tisch kommst. Er hat bestimmt auch Hunger.”

So aß die kleine Familie noch gemeinsam zu Abend. Joana hielt es allerdings schon nach zwanzig Minuten nicht mehr am Tisch. Sie schnappte sich die warme Jacke, die ihre Mutter für sie bei dem letzten Außeneinsatz gekauft hatte. Alle hatten ihr bereits erzählt, dass es Winter war und die Temperaturen vermutlich nicht sonderlich hoch sein würden. Ihrer Freude, endlich einmal auf die Erde zu kommen, hatte das keinen Abbruch getan.

An der Schleuse zum Hangar lief sie Ak-Thar und Cryll in die Arme, die bereits auf sie warteten.

“Es dauert nicht mehr lange. Meine Schwester meinte, dass sie in fünf Minuten soweit sind, dann dürfen wir raus. Beinahe hätten mich meine Eltern ja nicht alleine gehen lassen. Zum Glück hat Devana ein gutes Wort für mich eingelegt.”, meinte Cryll und deutete dabei mit einem Finger in Richtung seiner Schwester, die nicht weit entfernt stand und sich angeregt mit einem der neuen Offiziere unterhielt.

Tatsächlich mussten die drei noch zehn Minuten warten, dann allerdings durften sie das Raumschiff endlich verlassen. Übermütig rannten die Freunde über die Rampe und versuchten sich gegenseitig zu überholen um als erster von Bord zu kommen. Unten angekommen drehte sich Joana übermütig einmal im Kreis und lachte dabei fröhlich. Die Erde. Ihre Großeltern. Schnee! Es war großartig! Und dabei hatte sie noch nichts gesehen.

“Wartet mal, ihr Drei!”, hörten sie da hinter sich einen Ruf. Cryll drehte sich um und sah seiner Schwester fragend entgegen, die sie soeben aufgehalten hatte und ihnen hinterher eilte. “Ich habe mich ein wenig erkundigt. Weil es ja bald Weihnachten ist, soll hier ganz in der Nähe ein Weihnachtsmarkt aufgebaut worden sein. Falls ihr also nicht wisst, was genau ihr mit eurer Zeit anfangen sollt, dann würde ich euch raten den zu besuchen.”

“Danke, Devana!”, rief ihr Joana zu, drehte sich, ehe sie eingeholt werden konnten, wieder um, packte ihre beiden Freunde an den Händen und lief los.

“Sollten wir nicht auf meine Schwester warten? Sie hat viel mehr Erfahrung als wir.”, warf Cryll nach Luft schnappend ein. Joana legte ein beachtliches Tempo an den Tag, dafür das sie zum Spaß hier waren und relativ lange Zeit hatten.

“Nein! Wir erkunden die Erde auf eigene Faust. Weit können wir ja sowieso nicht!”, antwortete Joana mit verschmitzter Stimme.

Schon von weitem entdeckten sie die vielen Lichter, die die Buden des Weihnachtsmarktes beleuchteten. Und dann gab es tatsächlich kein Halten mehr für das junge Mädchen. Mit einem letzten Sprint startete sie los und blieb erst wieder vor dem Begrüßungsschild zu dem Markt stehen. Kurz darauf stoppten auch ihre beiden Freunde neben ihr.

“Seht euch das an! Das ist so … magisch!”, flüsterte die Lilahaarige und sah sich mit großen Augen alles ganz genau an. Die vielen Menschen die über den Markt schlenderten, schenkten der kleinen Gruppe keine Beachtung.

Dieses Mal langsamer setzte sich die Gruppe wieder in Bewegung und sie schlenderten über den Markt. Blieben einmal bei dem Stand für die kleinen Holzfigürchen stehen, nur um im nächsten Moment den Ton-Stand zu entdecken und dorthin weiter zu laufen. Mit dem bisschen Geld, dass die Jugendlichen von ihren Eltern mitbekommen hatten, holten sie sich je einen Zimtstern und eine Tasse Kinderpunsch. Sie hatten sich ein paar Jugendlichen angeschlossen, die nur wenige Meter entfernt zur Schule gingen und sich diesen Abend ausgesucht hatten, um über den Weihnachtsmarkt zu flanieren.

Und dann begann es. Überrascht warf Joana einen Blick in den Himmel, und hob fasziniert eine ihrer Hände. Es schneite. Dicke, schneeweiße Flocken fielen zu Boden und gesellten sich zu dem bereits liegenden Schnee. Nicht nur die Lilahaarige schien davon begeistert zu sein. Auch die vier Schüler sowie ihre beiden Freunde sahen fasziniert und glücklich nach oben.

“Schneeballschlacht!”, rief einer der Menschen und lief in Richtung einer beinahe unberührten Wiese. Joana, Ak-Thar und Cryll ließen sich nicht lange bitten und starten sofort hinter allen anderen her.

Und so kam es, dass die 16-jährige Joana, die vorher noch nie auf der Erde war, an ihrem ersten Abend klitschnass bei ihren Eltern zu Hause ankam. Mit glücklich geröteten Backen und dem dicksten Grinsen im Gesicht, dass sie jemals aufgesetzt hatte. Sie wusste, Schnee würde sie nie vergessen. Und auch die neu gefundenen Freunde würde sie hoffentlich irgendwann wieder sehen.

 

Diesen Monat waren dabei:
Sabrina mit ihrem Beitrag „Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken“
Veronika mit ihrem Beitrag „Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken“
Eva mit ihrem Beitrag „Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken“
und mein „Erde“

Weihnachtsspezial: Zwischen Tannenbäumen
Thema für den 01.01.2016: Vorsatz

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Ein Gedanke zu „Schreibkick #35 – Lila Locken, karierte Socken, schneeweiße Flocken

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